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Der laufende Spaghetti-Kopf

Oskar hatte eine blühende Fantasie. Jeden Abend, bevor er seine Zähne putzte, schrieb er die besten Erlebnisse seines Tages auf. Diese Gewohnheit hatte er sich von seiner Großmutter abgeschaut. Diese Technik sei der Grund gewesen, warum sie über 100 Jahre alt geworden war – das wurde seine Großmutter zumindest nicht müde zu wiederholen. Während Oskars Eltern dabei immer ihre Augen verdrehten, liebte es Oskar, die Geschichten seiner Großmutter zu hören. „100 Jahre“, hatte er sich gedacht, „100 Jahre, so alt möchte ich auch werden.“ Also nahm er sich vor, sich ein Beispiel an seiner Großmutter zu nehmen.

Er versuchte das gleiche zu essen, nutzte das gleiche Shampoo und einmal hatte er sogar versucht, seine Zähne vor dem Schlafen aus dem Mund zu nehmen, um sie über Nacht in einem eigens dafür aus der Küche geholten Glas einweichen zu lassen. Auch wenn er lernen musste, dass das nicht klappte, hatte er große Freude daran, seiner Großmutter nachzueifern. Seine liebste Angewohnheit war jedoch das tägliche Zurückschauen auf den Tag. Seine Mutter hatte ihm dafür extra ein kleines Notizbuch gekauft, das er in dem Geheimversteck unter seinem Bett aufbewahrte. Jeden Abend, wenn er sich ganz sicher war, dass ihn niemand dabei beobachtete, holte er das Notizbuch und seinen Lieblingsstift hervor. Er blätterte dann jede Seite einzeln nach vorn und freute sich darüber, dass seine Schrift der seiner Großmutter immer ähnlicher wurde. Dann begann er zu schreiben: „Heute habe ich zwei Jungs auf dem Spielplatz gesehen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Wir haben zusammen Ball gespielt. Auf dem Rückweg habe ich mit Mama Eis gegessen.“ Zusätzlich hatte er sich angewöhnt, zu jedem Tag ein kleines Gesicht zu malen. Da ihm das Schreiben so viel Spaß machte, malte er nur fröhliche Gesichter in sein Buch.

Wenn er fertig war und sein Notizbuch wieder sicher verstaut hatte, lief er die Treppe nach unten. Jedes Mal, wenn er unten angekommen war, stand seine Mutter schon neben der Treppe und begleitete ihn ins Bad. Er wusste nicht, wie sie das machte; egal, wie schnell oder leise er versuchte, die Treppe nach unten zu steigen – sie war immer schon dort. Nach dem Zähneputzen bestand er darauf, dass ihn seine beiden Eltern ins Bett brachten. An guten Tagen, trug ihn sein Vater sogar die Treppe nach oben. Er liebte dieses Gefühl und stellte sich dabei immer vor, er würde die Treppe hinauf fliegen.

So vergingen Tage und Wochen. Jeden Tag wurde Oskars Notizbuch wieder etwas voller. Bald schon würde er ein neues benötigen, dachte er sich eines Abends. Er nahm sich vor, seine Großmutter bald zu fragen, wie ihr Vorgehen für neue Notizbücher war. Er wusste nicht, woher seine Mutter das erste hergenommen hatte und wollte lieber sichergehen, dass er mit dem zweiten nichts falsch machte. Er plante, vor dem Schlafen seine Mutter zu fragen, wann sie seine Großmutter das nächste Mal besuchen würden. Er fand es immer noch ein bisschen komisch, dass sie umgezogen war. Ihre alte Wohnung hatte sie eingetauscht gegen ein viel kleineres Zimmer. Dort roch es irgendwie eigenartig und sie hatte nicht einmal mehr eine eigene Küche! Als sie das erste Mal dort waren, hatte ihm seine Oma nicht geantwortet, wieso sie umgezogen sei. Dabei war die Erklärung doch ganz einfach: Seine Eltern hatten ihm erklärt, dass seine Großmutter in ihrem neuen Zuhause mit mehr Menschen in ihrem Alter zusammen sein kann. Das konnte er verstehen. Er mochte es auch am meisten, mit Freunden in seinem Alter zu spielen. Die Erstklässler fand er kindisch und die Drittklässler waren gemein. „Das ist ja dann fast ein bisschen wie Ferienlager für Oma!“, hatte er seinen lächelnden Eltern freudig entgegengerufen. „Ja, fast“, hörte er sie antworten, während er aus dem Fenster schaute und sich vorstellte, zusammen mit seinen Freunden in einem Haus zu wohnen.

„Mama? Wann besuchen wir Oma wieder?“, fragte er seine Mutter am Abend. „Wir wollen am Sonntag in den Zoo und danach fahren wir zu Oma. Freust du dich schon?“
„Au ja. Und auf den Zoo freue ich mich auch. Vielleicht sehen wir ja Löwen!“. Seine Mutter lachte. Oskar schaute konzentriert und sagte dann: „Bis Sonntag sind es ja nur noch drei Tage!“ Er hätte sein Notizbuch am liebsten sofort noch einmal hervorgeholt, um die guten Neuigkeiten festzuhalten, aber er wollte sich den Platz lieber sparen. Außerdem war seine Mutter ja immer noch im Raum und er durfte sein Geheimversteck nicht offenbaren. An diesem Abend schlief Oskar voller Vorfreude ein und träumte von Löwen und Tigern.

Am nächsten Tag erzählte er all seinen Freunden, dass er am Sonntag in den Zoo gehen würde. Er konnte es kaum abwarten und da er all seine Lieblingstiere auf seinem Block malte, konnte er sich nicht wirklich auf den Unterricht konzentrieren. Er wünschte sich, dass er heute ausnahmsweise früher nach Hause gehen könnte. Mitten in der Mathestunde kam dann plötzlich Frau Willenstein in das Klassenzimmer und sagte, dass Oskars Mutter da war, um ihn abzuholen. Das musste sein Glückstag sein! Freudig packte er seine Federmappe und seine Hefte ein und ging durch die Reihen des Klassenzimmers nach vorne. Frau Willenstein sah traurig aus, dachte er sich. Er war jedoch viel zu aufgeregt, um weiter darüber nachdenken zu können. Er fragte sich, wieso ihn seine Mutter jetzt schon abholte. Das letzte Mal, als er so früh aus der Schule abgeholt wurde, war er krank. Doch dieses Mal war er gar nicht krank. Im Gegenteil; er fühlte sich richtig fit! Vor allem jetzt, wo er wusste, dass er nach Hause konnte. Vielleicht hatte sich der Plan ja geändert und sie würden heute schon in den Zoo und zu seiner Oma fahren? „Das würde vielleicht ein Eintrag in seinem Notizbuch werden!“, dachte er und überlegte, ob er an solchen besonders tollen Tagen auch mehr als ein fröhliches Gesicht malen könnte. Das würde er am besten nachher gleich seine Großmutter fragen.

Als Oskar seine Mutter sah, rannte er freudig auf sie zu. Sie hob ihn hoch und er spürte, dass ihre Wange feucht war. Er wunderte sich, weil es gar nicht geregnet hatte. Vielleicht hatte sich seine Mutter gerade das Gesicht gewaschen? Er hörte, wie sie Frau Willenstein fragte, ob sie noch etwas unterschreiben musste. „Das ist schon okay, Frau Merz.“
Frau Willenstein schaute Oskar noch einmal mit ihrem traurigen Gesicht an und verabschiedete sich dann. Als sie nicht mehr zu sehen war, fragte Oskar ganz aufgeregt, wieso seine Mutter ihn schon so früh abgeholt hatte. Seine Stimme überschlug sich dabei fast, als er ausführen wollte, ob sie vielleicht schon heute in den Zoo gehen würden.

„Wir besuchen deine Oma“, Oskar lächelte, „Sie ist gestürzt und ist jetzt im Krankenhaus.“
„Oh nein, die Arme!“, dachte sich Oskar. Er erinnerte sich daran, wie er einmal im Sportunterricht gestolpert war und sich sein rechtes Knie aufgeschlagen hatte. Er durfte damals für eine ganze Woche nicht mehr mit seinen Freunden draußen spielen. Aber Oma spielte ja ohnehin nicht so viel draußen. Vielleicht könnten ja ein paar von ihren Freunden aus ihrer neuen Wohnung sie im Krankenhaus besuchen kommen.

Auf der Fahrt zum Krankenhaus redeten Oskar und seine Mutter nur wenig. Oskar war noch nie in einem gewesen und malte sich aus, wie es dort wohl aussehen würde. Von den anderen aus seiner Klasse hatte er mitbekommen, dass Menschen dort hingingen, wenn sie krank waren und dann gesund wieder zurückkamen. Er stellte sich vor, wie dort vielleicht Magier oder Roboter aus der Zukunft arbeiten würden.

Als sie dort ankamen, war Oskar etwas enttäuscht. Die Menschen dort sahen ganz normal aus. Nur manche von ihnen hatten lange, weiße Jacken an. Das musste eine Art Uniform sein, auch wenn Oskar sie etwas langweilig fand. Während er an der Hand seiner Mutter lief, schaute er sich neugierig um. Sie bogen mehrmals ab, aber irgendwie sah in diesem Haus alles gleich aus. Allerdings öffneten sich alle Türen vor ihnen automatisch, was Oskar beeindruckte. Als sie noch ein letztes Mal rechts abbogen, sah er seinen Vater, der auf einem Stuhl saß. Seine Eltern umarmten sich. Oskar schaute auf die Tür vor ihnen und versuchte den Ursprung dieses merkwürdigen Piepens ausfindig zu machen. Er schaute an den Wänden entlang, bis ihn seine Mutter antippte und sich neben ihn kniete.
„Möchtest du zu deiner Oma gehen?“, fragte sie leise. Sie erklärte ihm, dass seine Oma sehr erschöpft sei und sie sich jetzt viel ausruhen musste. Deswegen konnten sie nicht lange zu ihr ins Zimmer. Er nickte und freute sich darauf, von seiner Oma in den Arm genommen zu werden. Seine Mutter öffnete die Tür vor ihnen und das Piepen wurde plötzlich lauter.

In dem Raum sah er eine alte Frau, die wie seine Großmutter aussah. Sie lag in einem hohen Bett, um das er ganz viele kleine Fernseher angebracht waren. Vor ihrem Gesicht hatte sie etwas, das wie ein durchsichtiger Strohhalm aussah. Oskar packte die Hand seiner Mutter etwas fester und ging langsam nach vorn. Als er näher zum Bett kam, sah er ein Lächeln auf den Lippen seiner Großmutter, doch sie blieb stumm. „Hallo Oma“, sagte er leise und sie nickte langsam mit dem Kopf. Seine Mutter hatte recht gehabt, sie sah wirklich sehr müde aus. „Du kannst deiner Oma die Hand halten, wenn du magst“, flüsterte seine Mutter Oskar ins Ohr. Er ging nach vorn und legte seine Hand auf die seiner Großmutter. Sie ergriff seine Hand und versuchte sich etwas aufzurichten.
„Du brauchst nichts sagen, wenn es anstrengend ist, Oma. Wir können auch später reden!“
Seine Oma drückte seine Hand nun nochmal etwas fester. Es fühlte sich ein bisschen an als wäre ihre Hand aus Sand.

Während Oskar die Hand seiner Großmutter hielt, hörte er, wie sein Vater über einen Arzt sprach und darüber, was dieser gesagt hatte. Oskar verstand davon nicht viel, aber wie immer wirkte es so, als wüsste sein Vater alles, was es zu wissen gäbe. Er lächelte seine Großmutter an und fragte sich, wann sie wohl wieder in das Haus mit den anderen alten Frauen gehen würde. Nach einer Weile verabschiedeten sie sich von seiner Großmutter und er fuhr mit seiner Mutter nach Hause. Sein Vater wollte noch etwas dort bleiben. Wahrscheinlich brauchten sie dort jemand so schlauen wie Oskars Vater.

Als sie zuhause angekommen waren, war es draußen schon dunkel. Sie aßen noch etwas und dann folgte Oskar seiner abendlichen Routine. Er war erschöpft von den vielen neuen Eindrücken und schlief schnell ein, auch wenn er es schade fand, dass sein Vater ihn nicht ins Bett bringen konnte.

Als Oskar am nächsten Morgen aufwachte, sah er seine beiden Eltern in seinem Zimmer. Er lächelte, doch sie erwiderten sein Lächeln nur zaghaft.
„Was ist denn los, Mama?“, fragte er.
„Oskar, deine Oma“, sie stoppte und schaute zu Oskars Vater. „Deine Oma ist letzte Nacht eingeschlafen. Weißt du, manchmal wenn alte Leute einschlafen, vor allem, wenn sie schon über 100 Jahre alt sind, dann haben sie nicht mehr die Energie, aufzuwachen. Deine Oma hat sich dazu entschieden, für immer weiterzuschlafen.“
Die Stimme von Oskars Mutter brach ab. Oskar merkte, wie er plötzlich ein schweres Gefühl auf seiner Brust spürte. Fast als würde sich jemand auf ihn setzen, aber dort war niemand.

„Was passiert jetzt mit Oma?“, fragte Oskar leise. Seine Eltern schauten erst sich und dann wieder ihn an. Seine Mutter atmete tief ein und antwortete dann: „In der kommenden Woche werden wir eine Feier veranstalten, zu der alle von Omas Freunden kommen werden.“
„Aber warum feiern wir, wenn Oma nicht mehr da ist?“, fragte Oskar verwundert.
„Wir kommen zusammen, damit sich alle Menschen, die Oma kannten, von ihr verabschieden können. Das ist ein besonderer Tag, an dem alle Gäste nur an deine Oma denken. Man sagt, dass man ihr die letzte Ehre erweist.“

„Ehre“, das hatte Oskar schon einmal in einem Cowboy-Film gehört. Er wusste nicht genau, wie das mit seiner Oma funktionierte, aber er vertraute seinen Eltern. Sie wussten in allen Situationen die richtige Lösung.
An diesem Tag unternahmen sie nichts. Oskars Papa musste zwischendurch noch einmal ins Krankenhaus, aber Oskars malte fast den ganzen Tag. Er malte und dachte nach. Jedes Mal, wenn er etwas nicht verstand, fragte er seine Mutter. Sie konnte ihm alles erklären, aber er war immer noch so traurig darüber, dass er seine Großmutter nicht mehr sehen würde. Ein paar Mal am Tag versuchte er sogar heimlich, sich zu zwicken, weil er dachte, dass er in einem Traum gefangen war, doch er wachte nicht auf.

Am Ende des Tages aßen Oskar und seine Eltern Abendbrot. Danach ging er in sein Zimmer und holte sein Notizbuch aus seinem Geheimversteck. Er öffnete es, aber spürte nicht das übliche Glücksgefühl, das er damit verband. Er hatte immer schöne Sachen in dieses Buch geschrieben, aber heute, wusste er nicht, was er schreiben sollte. Er war sehr traurig und überlegte, was seine Großmutter wohl an einem solchen Tag in ihr Buch geschrieben hätte. Da er keine Antwort wusste, entschloss er sich, einfach das aufzuschreiben, was er gerade dachte:

„Heute war ein komischer Tag. Mama und Papa haben mir gesagt, dass Oma nicht aufgewacht ist. Sie haben gesagt, dass das manchmal passiert, wenn Menschen über 100 Jahre alt sind. Heute ist nicht schönes passiert. Ich weiß nicht, wie ich mich heute fühle oder worüber ich mich freuen soll. Alles ist irgendwie durcheinander. Ich fühle mich wie ein laufender Spaghetti-Kopf.“

Er wusste nicht, was er weiter schreiben sollte. Bei dem Anblick der Gesichter neben den Einträgen der letzten Tage, entschloss sich Oskar für den heutigen Tag ein trauriges Gesicht mit Spaghetti-Nudeln zu malen. Er hoffte, bald wieder fröhliche Gesichter malen zu können.

Das Fenster

Ich sehe, wie du in der Küche bist,
wie du kochst und früh dein Müsli isst.
Ich sehe, wenn du weinst und lachst,
wie du dich aufbauend fertig machst.

Ich schaue dir beim Schlafen zu,
geben die Sorgen einmal Ruh‘.
Ich merke jedes Hoch und Tief,
mal sitzt du aufrecht und mal schief.

Ich fühle mich mit dir verbunden,
durch die geteilten schönen Stunden.
Ich begleite dich dein Leben lang,
auch wenn ich’s dir nicht sagen kann.

Ich sehe dich und spiegle mich,
im Fenster du und mein Gesicht.
Verzerrzt und dabei doch so klar.
Ich rufe dich, doch du bleibst starr.

Piggeldy und Frederick

Piggeldy wollte wissen, wieso Schweine laufen müssen.

„Jetzt sind wir so viel gelaufen und doch immer nach Hause gekommen. Warum machen wir das?“, fragte Piggeldy seinen großen Bruder Frederick.
Frederick atmete tief durch. Er wusste, dass Piggeldy gern etwas anderes gehört hätte, doch er fühlte sich der Wahrheit verpflichtet.
„Wir laufen so lange, Piggeldy, weil uns das stark und muskulös macht.“, sagte Frederick zu Piggeldy.

„Aber warum müssen wir denn stark und muskulös sein?“, sagte Piggeldy zu Frederick.
Frederick schluckte. Er überlegte, wie er die richtigen Worte für das finden sollte, was er zu sagen hatte. Gerade als er beginnen wollte, zu sprechen, wurden sie von den rasch näherkommenden Schritten eines Mannes unterbrochen. Der Mann packte Frederick an den Hufen und zog ihn aus dem Stall. Frederick schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf und röchelte.

„Ah, ich denke, ich verstehe nun, Frederick. Wir müssen stark und muskulös werden, um uns gegen diesen Mann zur Wehr zu setzen.“, sagte Piggeldy zu Frederick.
Frederick wollte widersprechen, doch blieb stumm. Er schaute Piggeldy ein letztes Mal in die Augen und verschwand.

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All the lonely people

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen. Der Vater, ein Ohr gefangen am Telefon, eine Lippe erklärt dem Sohn die Welt. In ihm nichts als Leere und die Erinnerung an den Glauben an den einen großen Sinn. Vorüber gleiten, schweigend ins Gespräch vertieft, zwei Ewiggestrige, die sich sehnen nach einem Früher, das es so niemals gegeben hatte. Einem Früher, das voller Verheißung steckte und die ach so düstere Gegenwart umso blasser erschienen ließ.

Die zwei Dyaden kreuzen sich in diesem Moment, unwissend vom Leiden der jeweils anderen, doch mit der tief verwurzelten Überzeugung, die schlechteren Karten vom Schicksal erhalten zu haben. Ein Moment, der das Leben aller Beteiligten aufwirbeln, ihre Lebenswege grundlegend umstruktuieren könnte. Doch er verstreicht und nichts passiert. Eine weitere Chance bleibt ungenutzt, der eigenen Passivität eine Aktion abzutrotzen. Der eigenen Hilflosigkeit Zukunftsoptimismus entgegenzusetzen.

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen. Die WG-Mitbewohner gefangen zwischen Verbundenheitsgefühl, Weltschmerz und Einsamkeit. Die Wohlhabenden, die sich zwar alles leisten können, aber verlernt haben, das zu begehren, was sie bereits haben.

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen. Doch niemand sieht mich. Vor Jahren gestorben, begraben mit meinem Namen, doch niemand, der meiner gedachte. Ich Eleanor, Sinnbild der Einsamkeit, will euch zuschreien, euch von euren selbsterlegten Fesseln zu befreien. Will euch schütteln, den Blick von dem zu lösen, was unverändlich ist und Energie in das zu stecken, was Zukunft verspricht.

Wo ist es hin, das kindliche Streben nach Verbundenheit, nach Gemeinschaft? „Jeder braucht Freunde, aber keiner mag mehr Menschen“ scheint das Mantra dieser Zeit geworden zu sein. Einer Zeit, in der das eigene Selbstbild so fragil geworden ist, dass es einzig durch Abgrenzung aufrechtzuerhalten ist. In der Fremde und Unheil gleichgesetzt und Andersdenkende als Scharlatane abgetan werden. In einer Zeit, in der Menschen nicht danach bewertet werden, wohin sie streben, sondern woher sie kommen. In einer Zeit, dessen Welt so sehr in Bewegung ist, dass sich immer mehr Leute finden, denen Stillstand und Rückschritt lieber ist. Immer mehr Tugenden wie Zuversicht und Hoffnung als unreale Lügenkonstrukte einer manipulierten Obrigkeit sehen und sich stattdessen an der eigenen Misere und Ausweglosigkeit ergötzen.

Dabei ist es doch gerade die Hoffnung, die uns Menschen im Kern zu dem macht, was wir sind. Ohne den Glauben an ein besseres Morgen hätten unsere Vorfahren niemals ihre Höhlen verlassen und neue Landstriche bevölkert. Ohne den fernen Schein am Horizont, wäre jegliche Motivation, neue Erforschungen zu machen, im Keim erstickt.

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen und manchmal denke ich, sie haben vergessen, zu was der Mensch im Stande ist. Niemand scheint sich an die Hürden und Schicksalsproben zu erinnern, die unsere Art über Jahrtausende geformt haben. Eiszeiten, Krankheitsepidemiologien, Hungersnöte, Weltkriege. All das wurde überstanden, doch die Probleme unserer Zeit sind unüberwindbar? Das Leben eines jeden heute lebenden Menschen ist das Resultat von Generationen an Überlebenskämpfen, Tragödien und besiegten Widrigkeiten. Überkommenen Ängsten, getätigten Risiken und genutzten Chancen. Und obwohl es gerade ihr seid, die als Resultat dieser Verkettung von unwahrscheinlichen Entscheidungen enstanden und in diesem Moment am Leben seid, fehlt euch die Zuversicht? Fehlt euch die Kraft, an euch selbst zu glauben? Wer sollte den Herausforderungen der heutigen Zeit gewachsen sein, wenn nicht ihr, die ihr Produkt dieser jahrtausendelangen Selektion seid?

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen. Und ja, ich verstehe euch. Ich verstehe, dass es eine beruhigende Gewissheit geben kann, der Welt eine unveränderliche Grausamkeit zu attestieren. Ich verstehe, dass es sich manchmal so anfühlt, als könnte nichts Positives entstehen, bevor nicht all der Unrat beseitigt ist. Doch jede Sekunde birgt die Möglichkeit, diesem Unrat etwas Schöneres, Bessseres entgegenzusetzen. Jeder Moment könnte der Moment sein, der die Wende einleitet. Jeder Tag könnte der Tag sein, der später in Geschichtsbücher festgehalten würde. Dazu braucht es nur einen ersten Schritt und etwas Mut; selbst wenn es nur der eines Verzweifelten ist.

Ich schaue mich um und sehe all die einsamen Menschen. Wenn es nur eines gäbe, das ich euch sagen will, dann das: So oft redet ihr von Dingen, die euch im Weg stehen, um endlich zu leben, doch dabei vergesst ihr, das genau das bereits Leben ist. Also löst euch von euren Gedanken und schreitet zur Tat. All das, was ihr braucht, steckt bereits in euch.

Die Erstaunlichkeit unseres Seins

2 kommt von der Toilette zurück und deutet Richtung Morgengrauen.

1: „Ist das nicht eine zutiefst verstörende Vorstellung, dass Menschen auf Toilette gehen? In dem einen Moment redest du noch zivilisiert mit ihnen und dann gehen sie einen einen Raum 5 Meter weiter, nur getrennt von einer dünnen Tür, ziehen ihre Hose und Unterhose aus und lassen alles aus dem Körper fließen, was für den Körper keinen Wert mehr hat. Dann nehmen sie ein Stück Papier, reiben das ein paar mal hin und her, um Überreste dieser Aktion zu beseitigen, nur um dann zu einer anderen Schüssel aus Porzellan zu gehen und Wasser aus einem Metalhahn über ihre Hände fließen zu lassen. Sobald die Hände wieder einigermaßen getrocknet sind, öffnen sie die Tür und alle tun, als wäre nichts passiert.“

2 nickt langsam.

1: „Klar, wir sind daran ja gewöhnt! Aber stell dir mal vor, man hat Amnesie und jemand erklärt dir mit 30 Jahren das erste Mal, dass das der normale Umgang ist. Ich meine, es ist ja auch irgendwie etwas zutiefst natürliches und früher hat man ja sicher nur 5 Meter neben den Höhleneingang gekotet. Aber irgendwie schon schräg.“

2: „Ja, stimmt schon. Denk auch mal an Schlaf: man liegt für mehrere Stunden still und verliert einfach das Bewusstsein. Oder Küssen und Sex. Wenn man es so sieht, ist das alles ziemlich komisch. Kein Wunder, dass Kinder küssen eklig finden.“

1: „Allein Fernsehschauen: Leute setzen sich hin und schauen ein paar Stunden in eine Richtung auf etwas, das gar nicht wirklich existiert, sondern nur dafür gemacht ist, uns zu beschäftigen. Arbeit ist auch so ein Konzept, das eigentlich an Absurdität nicht zu überbieten ist; vor allem Büroarbeit. Man sitzt da und denkt über irgendwelche Sachen nach, die vielleicht irgendjemand anderes, der das aber noch gar nicht weiß, brauchen könnte. Also das ist ja vorausschauend und wichtig, aber irgendwie krass, dass wir als Menschen zu solchen abstrakten Handlungen fähig sind und nicht einfach nur: ‚Hunger => Essen‘; ‚Aua => Doktor‘-Verknüpfungen haben.“

2: „Vielleicht ist das ja auch was uns zum Menschen macht? Dass wir abstrakten Ideen einen Sinn geben können, der uns ermöglicht, nicht nur zu reagieren, sondern absichtsvolle Handlungen zum langfristigen Wohl von uns und anderen zu tätigen?“

1 deutet auf eine Weihnachtskarte.

1: „Überleg mal. Jemand hat dieses Bild erstellt. Das ist ja so fern von dem Darwin’schen Gedanken des „Survival of the fittest“. Ich meine, gut. Das abstrakte Konzept greift natürlich wieder: Soziale Verbindungen. Durch diese Weihnachtskarte werden Verbindungen gestärkt, die sich dann langfristig wieder auszahlen und dafür sorgen, dass weiterhin Projekte und Geld generiert werden, mit dem dann wieder Essen und Kleidung zum Bezirzen des anderen Geschlechts gekauft werden kann, womit man dann wieder bei Lebenserhaltung und -weitergabe als zentrale Lebensmotive und dem ultimativen Sinn des Lebens zurück wäre.“

1 atmet durch.

1: „Aber das der Mensch das begreifen kann! Ich meine, dass da irgendwelche Zellen ohne Bewusstsein in unserem Gehirn sind, die jede für sich nur kleine Funktionen haben, dessen Zusammenspiel dann aber dazu führt, dass wir uns etwas bewusst sind und wir planen. Das bringt doch genau das Organ wieder zum explodieren, das diese Fähigkeiten besitzt. Und dann kommt der Darwin und sagt: „Und jetzt stell dir vor: Das alles ist durch Millionen von Zufällen entstanden. Am Anfang gab es nur diese einzelnen Zellen aber dann ist einfach billiardenfach etwas schief gelaufen und nach genügend ungeplanten Reproduktionen hatten wir dann plötzlich Fische und Reptilien und irgendwann Säugetiere und dann Menschen. Einfach so. Durch Zufälle.“

2 nickt bedächtig.

2: „Das ist wirklich überwältigend. Aber auf der Skala das Universums gilt es vielleicht noch als primitiv, wozu wir in der Lage sind. Wer weiß, was andere Lebewesen für unvorstellbare Fähigkeiten haben. Wir Menschen sind schließlich auch nur auf unsere Dimensionen begrenzt.“

Wo?

Wo auch immer seine Frau ihn hier hin getrieben hatte; er hasste es hier. Diese ewig freundlichen Menschen, die ihm das Gefühl gaben, als könne er seine eigene Hand nicht mehr heben. Seine Frau – wo war die eigentlich? Er war sich sicher, dass sie es ihm gesagt hatte, aber wie so oft in letzter Zeit hatte er sich dagegen entschieden, ihr zuzuhören.

Ihre quitschend-zillernde Stimme hatte ihn schon immer ein bisschen genervt, aber anfangs bildetete er sich ein, sich daran gewöhnen zu können. Als dann die Zeit kam, nach der es üblich war, um ihre Hand anzuhalten, hatte er ihre Stimme als wenig legitimen Grund gesehen, sie zu verlassen. Außerdem empfand er es schon immer als anstrengend, neue Menschen kennenzulernen.

Jetzt wo er so darüber nachdachte, hatte er es eigentlich ganz gut mit seiner Frau. Sie hatte nie den Wunsch geäußert, ein Kind mit ihm zu bekommen. Das schätzte er sehr an ihr. Schließlich empfand er das Führen seines eigenen Lebens bereits als unbeschreiblich mühsam.

Er atmete tief durch. Weiterhin in dem Versuch versunken, herauszufinden, wo er sich hier eigentlich befand, versuchte er die letzten Tage und Stunden zu rekonstruieren. Das fiel ihm irgendwie schwerer in letzter Zeit.

Er konnte sich jedoch entsinnen, dass ihn seine Frau vor einigen Wochen eindringlich darum gebeten hatte, mit ihr in diesen Urlaub zu fahren. Er meinte zumindest, dass es dieses Wort war, das sie verwendet hatte. Da es ihm im Grunde egal war, wo er seine Bücher las, hatte er stumm nickend zugestimmt und sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zugewandt. Doch jetzt hatte er sein aktuelles Buch abgeschlossen und wusste nicht, wo seine Frau den Nachschub verstaut hatte. Das war ein Problem. Doch diese unendlich freundlichen Fratzen um ihn herum, schienen ihm keine Hilfe zu sein.

„Wo ist meine Frau?“, hörte er sich selbst ein bisschen zu aufgeregt fragen. Verschwommen nahm er die verwirrten Gesichter der Menschen um ihn herum wahr.

„Ihre Frau?“, hörte er ein dumpfes Seufzen auf sein Trommelfell treffen.

Ja, seine Frau. Die hatte er doch gerade gesucht. Warum verstand das niemand von diesen unpersönlichen Schemen?
„Meine Frau. Wo ist meine Frau?“, er rang nach Luft.
„Lesen. Ich will einfach nur lesen“, versuchte er erneut verzweifelt, sich verständlich zu machen.

Zufrieden mit seiner Erklärung, wunderte er sich, nicht die gewünschte Reaktion hervorzurufen. Dies wurde noch durch das plötzliche Berühren seiner Hand verstärkt.
„Papa! Papa!“, drang nun plötzlich die Stimme seiner Tochter in sein Bewusstsein.

Seine Tocher… Die hatte er vergessen.

Er wunderte sich kurz, doch dann sah er plötzlich alles ganz klar: Das Krankenhaus-Zimmer, seine Tochter, der Arzt. Und auf dem Kittel aufgenäht das Logo der Demenz-Klinik.

Der Mann, der in eine Garage ging und aus einem Flugzeug herauskam

Als ich auf die Dreißig zuging, baute sich der Vater meiner Freundin die Garage zum Flugsimulator um. Mehr als achttausend Euro – so erzählte mir seine Ehefrau – hatte Walter schon in die Garage gesteckt. Seit langer Zeit schon habe sie Probleme mit ihm; er sei immer unleidlicher geworden, wurde maulfauler, kam nachts teilweise gar nicht mehr ins Bett. Er habe immer längere Zeit in der Garage verbracht, hatte immer größere Pakete bestellt und mittlerweile verabschiedete er sich regelmäßig vom abendlichen Esstisch mit dem Hinweis, er fliege die nächsten acht Stunden Frankfurt –> New York – und sie solle nicht auf ihn warten.

Am Abendessen – so erzählte sie weiter – habe er ohnehin kaum noch Interesse. Er rührte das Brot nicht mehr an, schiebe nur lustlos ein paar Cocktail-Tomaten auf dem Teller hin und her und selbst die geliebten Senfgurken gefielen ihm nicht länger. Seine Frau hatte ihn darauf angesprochen, dass er nichts mehr esse und er habe geantwortet, das sei wegen der Verdauung. Er könne ja wohl kaum einen Zwischenstopp machen. Am Ende noch irgendwo notwassern, um auf Toilette zu gehen? Dem Auto-Piloten vertraue er einfach nicht. Wenn sie sich denn wirklich Sorgen um so etwas machen musste, dann sei das sehr lieb, aber nun wirklich nicht notwendig.

Da ich nicht im eigentlichen Sinne zur Familie meiner Freundin gehörte, befand ich, dass es nicht an mir war, mich in die Gelegenheit einzumischen. Doch die Mutter meiner Freundin konfrontierte mich immer wieder mit seinem oder vielleicht auch eher ihrem Problem. Sie dachte wohl, ich müsse mich dort auskennen, immerhin studierte ich in der Stadt und galt jeher als technikaffin. Darüber hinaus sei mir auch das Hineinversetzen in Andere nicht fremd und ein Mann in den späten 60ern, der sein Geld dafür ausgibt, in der Garage nach New York zu fliegen, falle doch ganz sicher in das Gebiet von Psychologen.

Ich entgegnete meist nur, dass sie ja immerhin wisse, wo er sei. Da brauche sie sich keine Sorgen machen. Andere Männer, sagte ich weiter, würden ihre Abende ganz anders verbringen und meist viel mehr Geld ausgeben. Ich führte fort, dass das eine Skurrilität sei, ein interessanter Spleen – etwas um das man Walter gewissermaßen beneiden könne. Andere hätten ihren Garten, Walter habe nun eben New York. Daran sei überhaupt nichts auszusetzen.

Eines Tages als ich von der Arbeit nach Hause kam und meine Freundin am Esstisch vorfand, hatte sie ihre Arme unter der Brust zusammengefaltet und als sie mich sah, tat sie bedrückt. Sie stand etwas schnippisch auf und ging noch schnippischer an den Kühlschrank, holte schnippisch einen Joghurt daraus und stellte ihn schnippisch auf den Tisch. Dann schnippte sie in meine ungefähre Richtung und sagte: „Joghurt“. Ich bedankte mich und tat – herausfordernd lächelnd – unbeeindruckt.
Sie fand das nicht sehr komisch. ich müsse doch merken, dass sie etwas bedrücke, sagte sie. So etwas müsse mir doch auffallen, mir fiele doch sonst alles auf. Für alles hätte ich eine Theorie, behauptete sie, nichts würde mir entgehen. Bei allen Filmen, die wir immer sähen, könne ich nicht aufhören, darüber zu philosophieren, was die Figuren empfänden und wen die Synchronstimme noch vertont habe. Überhaupt sei ich ein Besserwisser, ein spitzfindigkeitliebender Übererklärer und ein Empfindling.
Empfindling sei kein Wort, sagte ich leicht spaßig und leicht gereizt und probierte von dem Joghurt. „Für mich schon“ erwiderte sie, „und jetzt hör auf mit deinen Späßen. Seh ich glücklich aus?“
Ich verneinte wahrheitsgemäß.
„Warum sehe ich nicht glücklich aus?“, fragte sie fordernd. Ich überlegte, ihr eine Reihe von plausiblen Gründen anzubieten, entschied mich aber aus Sorge, sie auf dumme Ideen zu bringen, letztendlich für ein unbestimmtes „Hm“.
„Wegen meiner Mutter“, sagte sie.
„Auf Grund deines Vaters wegen deiner Mutter, meinst du?“, fragte ich und sie nickte, woraufhin ich ihr Nicken bedächtig erwiderte, was ihr ein triumphales Lächeln auf die Lippen trieb.

Ich solle dann noch was vom Chinesen mitbringen, sagte sie und klang wie die Sorte selbstzufriedene Frau, die genau weiß, wie sie ihren Freund dazu kriegt, das zu tun, was sie will. Sie koche heute nicht. Sie habe heute schon genug getan. „Chinesisch“, sagte ich, „mal gucken, ob es das in New York kriege.“ Wir lachten und ich trat aus der Tür. „New York war gestern!“, rief sie mir noch hinterher. „Heute ist der Rückflug dran. Er zieht das absolut durch, du musst dich wirklich darum kümmern, bitte. Mutter sagt, er isst schon gar nichts mehr. Das ist langsam wirklich was Ernstes.“

Nachdem sie erschöpft seufzte und die Tür hinter sich schloss, dachte ich mir: Wenn Frauen wie ihre Mutter werden, hätte ich es schlechter treffen können. Immerhin sorgte sich die Mutter meiner Freundin liebevoll um ihren Ehemann und überhaupt war sie eine sympathische Person. Während ich weiter darüber nachdachte, fiel mir jedoch ein, dass ich einmal gelesen hatte, dass sich Frauen ihren Partner so suchen, dass er sie an ihren Vater erinnert – und ich dachte lange darüber nach, ob mir das gefallen würde.

Als ich am Haus angelangt war, brannte noch Licht in der Küche und ich sah das Gesicht meiner resignierten Schwiegermutter. Gedankenverloren strich sie über einen Teller und lächelte mir zu. Da sie ziemlich erschöpft aussah, entschied ich mich, direkt zu ihrem Mann zu gehen, um das Problem zu lösen, von dem ich noch immer nicht wusste, ob ich es überhaupt als solches einstufen würde.

Ich öffnete die Tür zur Garage, einem Ort den ich noch nie betreten hatte, und schon blickte ich auf den Himmel über dem atlantischen Ozean. Walter hatte sein angespartes Geld in einem Panorama-Bildschirm investiert, vor dem er in etwa acht Meter Entfernung auf einem Pilotensessel saß. Vor ihm war eine Art Cockpit aufgebaut, das er gewissenhaft zu bedienen wusste, um dann von Zeit zu Zeit Pilotenfloskeln in das Headset zu sprechen. Nach einiger Zeit des interessierten Beobachtens fiel mir auf, dass über ein Dolby Surround System aus allen Ecken der Garage ein verhaltenes Triebwerk-Rauschen in meine Ohren drang. Ich versuchte ein Muster zu erkennen, vielleicht das Schreien von ein paar Möwen oder auch nur ein leichtes Stottern der Triebwerke. Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht mehr als ein weißes Rauschen wahrnehmen.
Walter hatte mich in der Zwischenzeit bemerkt und zeigte mir mit der rechten Hand energisch an, dass ich verschwinden solle. Er wedelte mich regelrecht aus der Garage heraus, doch ich schloss nur die Tür hinter mir, lehnte mich gegen eine Wand und beobachtete.
Ich musste zugeben, dass das unveränderliche Rauschen gemeinsam mit den immer gleichen Polygon-Wolken, die auf dem Bildschirm vorbeizogen etwas meditatives hatte. Ich zog es vor, mich nicht zu bewegen und keinen Ton von mir zu geben, denn ich kam mir wie ein Eindringling vor; er hatte sehr deutlich gemacht, dass er niemanden hier haben wollte. Seine Frau – so hatte sie mir berichtet – habe am Anfang wiederholt versucht mit ihm zu fliegen, aber er habe sie überhaupt nicht wahrgenommen, was sie letzlich so verärgert hatte, dass sie ihn später darauf angesprochen, jedoch nur ausweichende Antworten erhalten habe.

Ich fragte mich, während ich dort im Halbdunkel der Garage den Triebwerken lauschte, was meine Freundin wohl gerade treibe. Ob sie es sich wohl mit einer Tafel Schokolade auf unserem gemeinsamen Sofa bequem gemacht hatte, einen Film schaute und sich beim Gedanken an mich totlachte, wie ich hier in einer öligen Garage säße und meiner aussichtlosen Mission nachginge.

Nach einer Weile wurden die Triebwerke leiser, ich schreckte aus meinen Gedanken und glaubte nun, ein Stottern zu vernehmen. Vielleicht eine Stichflamme an einem der Triebwerke? Doch das war Wunschdenken. Stattdessen hörte ich Walter sprechen: „Hor mal, Junge. Ich weiß schon, dass sie sich Sorgen machen, aber du kannst ihnen doch sagen, dass mit mir alles okay ist. Du kannst ihr sagen, dass du mit mir geredet hast und dass mit mir alles in Ordnung ist.“
Jetzt erst bemerkte ich, dass Walters Stimme aus den vier Ecken der Garage kam. Er musste dasselbe System nutzen, um wichtige Durchsagen an die Passagiere zu tätigen.
„Walter, die werden mir nicht glauben. Die machen sich Sorgen um dich. Die wollen das verstehen.“
„Dann erklär’s ihnen doch!“, sagte Walter.
„Dazu muss ich aber erst mal so tun, als hätte ich dich lange angeschaut und es verstanden“, erwiderte ich.
„Wie lange denn noch?“, fragte er und ich, ob es ihn denn störe. „Ja“, ganz immens störe ich ihn, ich ruiniere alles, machte den ganzen Spaß kaputt – er könne meine Anwesenheit ja unmöglich ausblenden. Und nach einer kurzen Pause fragte er schließlich, ob es mir denn gefalle.
„Ich weiß nicht so recht. Es kommt mir alles ein wenig eintönig vor. So ganz ohne Luftkampf oder Brände oder Möwen. Man hat ja nicht mal eine richtige Aussicht.“
„Ja“, erwiderte er.
„Wie Arbeit“, sinnierte ich.
„Ja“, sagte er fast mehr zu sich selbst als zu mir. Das war der erste Moment seit dem ich in der Garage war, in dem ich so etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht wahrnehmen konnte.

Wir sprachen dann nicht mehr. Ich schaute ihm einfach nur dabei zu, wie er flog – fünf Stunden haben wir dort gesessen. Als er die Landung vollendet hatte, klatschte ich standesgemäß und ging aus der Garage in die kühle Morgenluft. Draußen erwachte die Straße, nur im Haus der Eltern meiner Freundin brannte kein Licht. Ich spürte Walters Hand auf meiner Schulter, er ging wortlos an mir vorbei, öffnete die Haustür, drehte sich noch einmal um und nickte mir zu. Ich lächelte, wohl wissend, dass Walter sich einfach nach einer Aufgabe gesehnt hatte.
Zu Weihnachten würde ich ihm eine echte Pilotenmütze schenken.

8-7-6

Ich denke, also bin ich dein.
Das könnte dein Motto sein.
Warum lässt du mich nicht rein?
Warum muss ich draußen reim’n?
Sorge für den Ordnungsschein,
Zweifel lässt mich nie allein.
Ich will wirre Worte schrei’n,
das kann doch kein Zufall sein.

Aber ja, was soll denn das?
Du denkst wirklich alles passt?
Du denkst wirklich, du bist krass?
Doch du hast die Chance verpasst.
Mit dem besten Freund verhasst,
weil du wirklich gar nichts raffst.
Ja, da bist du wirklich baff,
hör mir zu und sei auf Zack.

Sei auf Zack und auf der Hut,
denn der steht dir wirklich gut.
Der hält deine Birne warm,
Rumpeln in dein’m Unterdarm.
All das ist dir scheißegal,
angelehnt an ein Regal.
Du trägst deinen blauen Schal,
mit dem Bild von einem Wal.

Seine Auswahl eine Qual,
Kampf durch das Entscheidungstal.
Münzwurf: weder Kopf nach Zahl.
Immerhin: du hast die Wahl.
Hast die Wahl, doch keine Lust,
langsam spürst du diesen Frust.
Lebst als hättest du’s gewusst,
redest nur noch hohlen Stuss.

Das soll ’ne Geschichte sein?
Lass doch bitte jetzt das Reim’n,
Bist nicht besser als der Schein,
denk doch bitte an die Klein’n.
Oma fängt schon an zu wein’n,
wack’lig auf den zarten Bein’n.
Nicht mehr mit sich selbst im Rein’n,
fängt sie langsam an zu schrei’n.

Ein Tag der Idylle

Der Tag begann mit dem Aufgehen der Sonne. So wie immer, eigentlich. Doch trotzdem spürte er, das heute etwas anders war als an den letzten Morgenden, als er den Blick über das Tal vor ihm geworfen hatte. Es war als würde die Ankunft seiner Gattin in 2 Tagen bereits heute seine Schatten voraus werfen.

Peter ließ den Blick über die wiesengrünen Täler und Hügel schweifen, die sich scheinbar bis ins Unendliche vor ihm erstreckten. Er beobachtete, wie in der Ferne ein Vogelpaar ein Tanz aufführte, der sich frei von Beobachtern wähnte. Durch die Entfernung war es Peter kaum möglich, die beiden Tiere auseinanderzuhalten, doch das unbeschwerte Treiben zeichnete ihm ein Lächeln auf die Lippen. Er hob seine Tasse und nahm einen klangvollen Schluck daraus. Etwas, dass er liebte, doch in Anwesenheit anderer Personen zu vermeiden versuchte. Schließlich galt er als Mann von hohem Stand, der entsprechende Manieren aufzuweisen verpflichtet war.

Peter leerte die Tasse in seiner rechten Hand und schritt langsam aus dem Schein der immer wärmer werdenden Sonne zurück. „Auf, auf zum frohen Schaffen“, dachte er sich, als er sich auf dem Weg zur Küche aufmunternd im Spiegel zunickte. Er wollte heute den 2. Satz seines Klavierkonzertes beenden und ahnte, dass es ihm einiges an Mühe kosten würde, dem Klavier wohlklingende Melodien abzutrotzen.

 

Im ungefähr 30 Meilen entfernten Oberschwaibach verließ in etwa zur gleichen Zeit Sophia das Haus. Sie nahm ihrem Pagen die ohnehin nur leicht gepackte Reisetasche ab und eilte damit zu der vor ihrem Haus wartenden Kutsche. „Los jetzt, Andrej. Wir dürfen keine Zeit verlieren!“, rief sie ihn mit einem herzerwärmenden Strahlen entgegen und öffnete dabei zeitgleich die Kutschentür. Andrej brauchte einen Moment, um sich von seiner Perplexität zu lösen und folgte ihr dann unversehens.
„Welcher Teufel hat Sie denn heute gestochen, Frau Lindmann?“, fragte er ein bisschen zu vorlaut und biss sich heimlich auf die Zunge.
„Jeder Tag sollte mit der Freude eines Kindes zu Weihnachten begonnen werden“, entgegnete sie und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Andrej und Thomas, der Kutschier, warfen sich ob der ungewöhnlichen Euphorie ihrer Chefin einen vielsagenden Blick zu, bevor Thomas die Kutsche mit einem beherzten Zügelschlag in Bewegung setze.

Der Weg führte die Reisegemeinschaft durch verschlafene Dörfer und aufgeweckte Wald-Landschaften. Die Sonne streichelte die im lauen Wind wiegenden Gräser und zeichnete das Bild des ersten Sommertages des Jahres. Selbst die Pferde schienen an diesem Tag frei von Sorgen zu sein.

 

Zurück in ihrem Landhaus hatte sich Peter vor seinem Klavier eingefunden. Er versuchte nun schon seit über drei Stunden die ideale Begleitstimme für sein Stück zu finden, doch irgendwie fühlte sich keine der durch seine Finger erzeugten Tonfolgen richtig für ihn an. Er seufzte und entschied sich, einen kleinen Spaziergang durch das angrenzende Dorf zu machen, um auf neue Gedanken zu kommen. Ausgestattet mit Hut und Wanderstock öffnete er die Vordertür des Hauses und trat in die milde Bergluft. Der Wind umspielte ihn mit den ihm so vertrauten Gerüchen aus seiner Kindheit. Hier an der Schwelle der Tür vermischten sich die Lockstoffe der Frühlingsblüher mit dem Geruch des frisch geschlagenen Holzes des nahegelegen Waldes. Peter ließ sich dazu hinreißen, seine Augen theatralisch zu schließen, um die Wirkung seiner anderen Sinne zu stärken und hörte nun auch den rhythmischen Schnabelschlag eines in der Ferne arbeitenden Spechts. Mit prall gefüllten Lungen öffnete Peter die Augen und schritt dem vor ihm liegenden Weg entschlossen entgegen. Mit einem letzten Blick zurück versicherte er sich, dass er die Tür verschlossen hatte und entschied sich, dem Weg in Richtung der anderen Häuser zu folgen.

Unten im Dorf angekommen, grüßte er freundlich jeden, den er auf der Straße traf. Er mochte zwar nicht jeden persönlich kennen, doch da die meisten der Dorfbewohner bereits hier lebten, als er gerade geboren wurde, wollte er einen unhöflichen Affront vermeiden. Er wusste, dass seiner Mutter die Verbundenheit mit den Dorfbewohnern immer wichtig gewesen war, auch wenn sie ihres Standes wegen Niemandem ein freundliches Wort schuldig waren. Doch genau wie Peter war es auch seiner Mutter unangenehm gewesen, ihrer Stellung wegen hofiert zu werden, was nicht zuletzt der Grund für die große Beliebtheit der Lindmanns war.

„Guten Tag, Herr Lindmann. Was macht die Arbeit?“, riss ihn der Müller aus seinen Gedanken.
„Das Klavier will heute nicht so, wie ich will.“, antwortete Peter. „Und selbst?“
„Bei diesem Wetter geht das Arbeiten fast von alleine.“, lachte er und schulterte einen Getreidesack auf, der beinahe seinen gesamten Oberkörper verdeckte.

Ihr kurzes Gespräch an der Weggabelung hatte weitere Dorfbewohner dazu ermutigt, anzuhalten. Eine ältere Dame mit weißem, schütternen Haar strahlte ihn herzlich an: „Gott schütze Sie, Herr Lindmann. Ich hoffe, Sie erfreuen sich weiterhin bester Gesundheit. Wie geht es Ihrer Frau?“
„Vielen Dank. Gottes Schutz sei auch mit Ihnen. Meine Frau wird in zwei Morgen anreisen. Ich bin voller Hoffnung, dass es ihr weiterhin gut geht.“
Die ältere Dame lächelte sichtbar zufrieden und sprach nun mehr zu sich als zu Peter: „Ja, ja. Die schöne Frau Lindmann. Ihr Fernbleiben macht unseren Musiker ganz traurig.“

Gerade als sich Peter ertappt fühlen wollte, bemerkte er die Unruhe weiter unten im Dorf. Mit einem geschmeidigen Kopfnicken und dem Zurechtrücken seines Hutes deutete er eine stumme Verabschiedung an und nähert sich den langsam lauter werdenden Tumult. Er meinte, ein Pferdeschnauben und die aufgeregte Stimme ihres Kutschiers Thomas ausmachen zu können, was ihm die für ihn typischen Sorgenfalten auf die Stirn trieb.

Als er wenig später um die nächste Wegbiegung schauen konnte, erkannte er sie: die Kutsche ihrer Familie, vor der Thomas wild gestikulierend mit einem Dorfbewohner diskutierte. Noch ehe er ein Wort ihrer Unterhaltung entschlüsseln konnte, fiel seine Aufmerksamkeit auf die sich langsam öffnende Kutschtür. Mit dem rechten Fuß voraustastend verließ Sophia vorsichtig die Kutsche und blickte dabei besonnen über die sich ihr bietende Szene. Ihr blaues Kleid wiegte sich ruhig im Wind, doch Peters Blick verharrte allein auf den Haaren seiner Frau. Die zu einem losen Dutt gesteckten Strähnen waren so zersaut, wie sie es immer waren, wenn Sophia geschlafen hatte. Peter liebte nichts mehr als diesen Anblick früh am Morgen.

„Sophia!“, rief er und rannte auf sie zu.
„Peter?“, fragte Sophia ins Ungewissene und suchte die Umgebung vor sich ab.

Als sich ihre Blicke trafen, hatte Peter sie fast erreicht und sie fielen sich in die Arme.
„Welch Freude, dich zu sehen, liebste Sophia. Doch sag, was treibt dich heute schon zu mir? Deinem Brief entnahm ich, dass deine Ankunft erst am Mittwoch geplant sei. Was ist der Grund für die Änderung deiner Reisepläne? Es ist doch hoffentlich nichts passiert?“
Sophia lächelte und strich Peter eine Strähne aus dem Gesicht.
„Nein. Also doch, aber…“, sie zog ihn in Richtung der Lichtung neben dem Feldweg, um sich der immernoch rege geführten Diskussion etwas zu entziehen.

Noch ehe sie sich hingesetzt hatten, konnte Sophia die Neugikeiten nicht mehr für sich behalten:“Ich bin.. schwanger!“, platzte es aus ihr heraus und große Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wange. „Der Arzt hat es bestätigt. Wir kriegen ein Kind, Peter! Ich bin so..“, doch ihre Stimme brach mittem im Satz ab.
Peters sorgenvoller Ausdruck war einem Gesicht vollkommener Entzückung gewichen und er hatte nun Schwierigkeiten, einen klarer Gedanken zu fassen. Seit ihrer Heirat vor nun mehr als 2 Jahren wünschten sich die beiden nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Sie hatten schon allerlei Ärzte konsultiert, die den beiden jedoch stets versicherten, dass mit ihnen körperlich nichts zu beanstanden sei. Nach Monaten voller Hoffnung und Enttäuschungen war das, was Sophia da gerade ausgeprochen hatte, kaum zu glauben.

Da er das Gefühl hatte, seine Empfindungen nicht in Worte fassen zu können, nahm Peter Sophia wortlos in den Arm und strich ihr zärtlich durch das zerzauste Haar. Er spürte Sophias Herzschlag an seinem Körper und schaute gedankenverloren zu den Ausläufern des wenige Meter entfernten Waldstücks. Dort ganz vorne glaubte er die zwei Vögel wiederzuerkennen, dessen Spiel er bereits am Morgen interessiert beobachtet hatte. Nun wurden die Bewegungen jedoch spürbar langsamer. Peter beobachtete, wie sich die beiden Tiere auf einem Ast niederließen und für einen kurzen Moment schien es, als würden sie ihm direkt in die Augen schauen.