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Die Erstaunlichkeit unseres Seins

2 kommt von der Toilette zurück und deutet Richtung Morgengrauen.

1: „Ist das nicht eine zutiefst verstörende Vorstellung, dass Menschen auf Toilette gehen? In dem einen Moment redest du noch zivilisiert mit ihnen und dann gehen sie einen einen Raum 5 Meter weiter, nur getrennt von einer dünnen Tür, ziehen ihre Hose und Unterhose aus und lassen alles aus dem Körper fließen, was für den Körper keinen Wert mehr hat. Dann nehmen sie ein Stück Papier, reiben das ein paar mal hin und her, um Überreste dieser Aktion zu beseitigen, nur um dann zu einer anderen Schüssel aus Porzellan zu gehen und Wasser aus einem Metalhahn über ihre Hände fließen zu lassen. Sobald die Hände wieder einigermaßen getrocknet sind, öffnen sie die Tür und alle tun, als wäre nichts passiert.“

2 nickt langsam.

1: „Klar, wir sind daran ja gewöhnt! Aber stell dir mal vor, man hat Amnesie und jemand erklärt dir mit 30 Jahren das erste Mal, dass das der normale Umgang ist. Ich meine, es ist ja auch irgendwie etwas zutiefst natürliches und früher hat man ja sicher nur 5 Meter neben den Höhleneingang gekotet. Aber irgendwie schon schräg.“

2: „Ja, stimmt schon. Denk auch mal an Schlaf: man liegt für mehrere Stunden still und verliert einfach das Bewusstsein. Oder Küssen und Sex. Wenn man es so sieht, ist das alles ziemlich komisch. Kein Wunder, dass Kinder küssen eklig finden.“

1: „Allein Fernsehschauen: Leute setzen sich hin und schauen ein paar Stunden in eine Richtung auf etwas, das gar nicht wirklich existiert, sondern nur dafür gemacht ist, uns zu beschäftigen. Arbeit ist auch so ein Konzept, das eigentlich an Absurdität nicht zu überbieten ist; vor allem Büroarbeit. Man sitzt da und denkt über irgendwelche Sachen nach, die vielleicht irgendjemand anderes, der das aber noch gar nicht weiß, brauchen könnte. Also das ist ja vorausschauend und wichtig, aber irgendwie krass, dass wir als Menschen zu solchen abstrakten Handlungen fähig sind und nicht einfach nur: ‚Hunger => Essen‘; ‚Aua => Doktor‘-Verknüpfungen haben.“

2: „Vielleicht ist das ja auch was uns zum Menschen macht? Dass wir abstrakten Ideen einen Sinn geben können, der uns ermöglicht, nicht nur zu reagieren, sondern absichtsvolle Handlungen zum langfristigen Wohl von uns und anderen zu tätigen?“

1 deutet auf eine Weihnachtskarte.

1: „Überleg mal. Jemand hat dieses Bild erstellt. Das ist ja so fern von dem Darwin’schen Gedanken des „Survival of the fittest“. Ich meine, gut. Das abstrakte Konzept greift natürlich wieder: Soziale Verbindungen. Durch diese Weihnachtskarte werden Verbindungen gestärkt, die sich dann langfristig wieder auszahlen und dafür sorgen, dass weiterhin Projekte und Geld generiert werden, mit dem dann wieder Essen und Kleidung zum Bezirzen des anderen Geschlechts gekauft werden kann, womit man dann wieder bei Lebenserhaltung und -weitergabe als zentrale Lebensmotive und dem ultimativen Sinn des Lebens zurück wäre.“

1 atmet durch.

1: „Aber das der Mensch das begreifen kann! Ich meine, dass da irgendwelche Zellen ohne Bewusstsein in unserem Gehirn sind, die jede für sich nur kleine Funktionen haben, dessen Zusammenspiel dann aber dazu führt, dass wir uns etwas bewusst sind und wir planen. Das bringt doch genau das Organ wieder zum explodieren, das diese Fähigkeiten besitzt. Und dann kommt der Darwin und sagt: „Und jetzt stell dir vor: Das alles ist durch Millionen von Zufällen entstanden. Am Anfang gab es nur diese einzelnen Zellen aber dann ist einfach billiardenfach etwas schief gelaufen und nach genügend ungeplanten Reproduktionen hatten wir dann plötzlich Fische und Reptilien und irgendwann Säugetiere und dann Menschen. Einfach so. Durch Zufälle.“

2 nickt bedächtig.

2: „Das ist wirklich überwältigend. Aber auf der Skala das Universums gilt es vielleicht noch als primitiv, wozu wir in der Lage sind. Wer weiß, was andere Lebewesen für unvorstellbare Fähigkeiten haben. Wir Menschen sind schließlich auch nur auf unsere Dimensionen begrenzt.“

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